Geschichtlicher Überblick

Durch seine natürlichen Gegebenheiten und seine Lage am Rande des Lienzer Talbodens bot der Lavanter Kirchbichl günstige Voraussetzungen zur Besiedelung mit sowohl landwirtschaftlicher als auch kultischer Nutzung. Außerdem gewährte er Schutz vor Angriffen in unsicheren Zeiten.

Die ältesten Keramikfunde, die hier gefunden wurden stammen aus der Jungsteinzeit (1900 – 1800 v. Chr.). Die ersten menschlichen Spuren finden sich seit der frühen und mittleren Bronzezeit (ca. 1800 – ca. 1250 v. Chr.). Seit dem 5. Jh. v. Chr. wurde der Lavanter Kirchbichl als Siedlungsfläche und Begräbnisstätte genutzt. Funde von Importkeramik lassen im 3. bis 1. Jh. v. Chr. auf gewisse Handelsverbindungen mit Rom schließen, wobei die Grundlage dafür vor allem die reichen Metallvorkommen (Gold, Bleiglanz, Antimon und Kupfer) im heutigen Osttirol waren. 16/15 v. Chr. wurde das Gebiet dem Römischen Reich angeschlossen. Unter Kaiser Claudius (41 – 54 n. Chr.) wurde das nahegelegene Aguntum zum Municipium Claudium Aguntum erhoben und damit zum Zentrum des Lienzer Beckens. Die Bedeutungszunahme von Aguntum bewirkte einen Rückgang der Besiedelung auf dem Kirchbichl. Erst ab der Mitte des 3. Jh. n. Chr. mit der Zunahme von Germanenangriffen, wurde Lavant als Zufluchtsort neu entdeckt und damit intensiv bebaut. Zahlreiche Keramik- sowie Münzfunde deuten auf eine Blütezeit bis ins ausgehende 6. Jh. hin, die mit einem gewissen Wohlstand der Bevölkerung verbunden war. Dafür sprechen auch die Errichtung ansehnlicher christlicher Kirchen in der ersten Hälfte des 5. Jhs. – die frühchristliche Kirche St. Ulrich und eine so genannte Bischofskirche. Beide wurden im 5. oder 6. Jh. vergrößert und umgestaltet. Einschneidende politische, gesellschaftliche und materielle Veränderungen dürfte erst der Sieg der Slawen über die Baiuwaren in der Schlacht bei Aguntum um 610 n. Chr. mit sich gebracht haben. Die beiden Kirchen auf dem Lavanter Kirchbichl wurden wieder verkleinert, aber das Christentum und eine ständige Besiedlung blieben hier weiterhin bestehen. Die erste schriftliche Erwähnung von „Lŏant“ findet sich in einer Schenkungsurkunde aus der Zeit 1085 bis 1097. Weitere Belege folgen im 12 Jh. Der Name „Lavant“ leitet sich von einer spätlateinischen Form des Ortes „Aguntum“ ab, der sich zu „Lavuntu“ entwickelt und in der Folge slawisiert wurde, bis dieser am Ende deutsch wurde. In wie weit die Höhensiedlung als mittelalterliches Dorf weiterlebte und ab wann das Dorf Lavant mit seinem heutigen Kern entstand, ist unklar. Archäologische Funde aus dieser Zeit sind spärlich und lassen viele Fragen unbeantwortet. Fest steht jedoch, dass im 14. Jh. eine Höhenburg auf dem Lavanter Kirchbichl stand, die von den Herren von Lavant bewohnt wurde. 1369 wurde diese durch Heinrich von Lavant an Graf Meinhard von Görz übergeben. Lavant unterstand damit der Verwaltung der Görzer und gehörte zum Landgericht Lienz. Spätestens seit dem 15. Jh. wurde der Lavanter Kirchbichl auch in das Görzische Verteidigungswesen mit einbezogen. Er wurde befestigt, in Gefahrenzeiten besetzt und er galt durch die errichtete Toranlage auf halber Höhe des Kirchbichls als uneinnehmbar. Im Jahre 1485 wurde die Burg allerdings als verfallen beschrieben. 1500 starb Leonhard der letzte der Görzer Grafen und vererbte seinen Besitz an Kaiser Maximilian I., der das Landgericht Lienz mit Tirol vereinigte. Aus einem Steuerkataster von 1545 erfährt man, dass sich in der „Rott zu Lawannt“ neun Huben bzw. Höfe und drei kleinere Häuser befanden. Ab dem beginnenden 17. Jh. kann Lavant als Wallfahrtsort bezeichnet werden. Die ersten Prozessionen fanden um das Jahr 1635 statt. Um 1770 wurde die alte gotische St. Ulrich Kirche einer barocken Erneuerung unterzogen, welche 1771 abgeschlossen war. Anfang des 19. Jhs. wurde Tirol neu vermessen, um die vorhandenen Karten für militärische Zwecke zu aktualisieren. Gemäß diesen Messungen befanden sich um 1820 25 Häuser und 24 Stallungen in Lavant. Der Begriff Gemeinde bildete sich erst in der 2. Hälfte des 19. Jhs. heraus. Man verwendete eher die Bezeichnungen „Rotte“ oder „Nachbarschaft“. Unter Gemeinden im damaligen Sinn verstand man die unterste Ebene der landesfürstlichen Regierungstätigkeit, welche jedoch zahlreiche Angelegenheiten in Selbstverantwortung regeln konnten. Im Jahre 1866 wurde eine Gemeindeordnung erlassen, in deren Folge auch Lavant zu einer politischen Gemeinde wurde. 1875 wurde Lavant zum Großteil ein Raub der Flammen. Bei diesem Großbrand wurden 11 Häuser und 9 Futterhäuser vollständig zerstört. Menschen kamen damals glücklicherweise nicht zu Schaden. Einige Jahre später überschwemmten immer wieder Hochwasser der Drau mehrere Felder. Diese Katastrophen führen dazu, dass im Jahre 1889 eine Freiwillige Feuerwehr gegründet wurde. In den Jahren 1949-56 wurden von Franz Miltner erstmals archäologische Grabungen auf dem Lavanter Kirchbichl unternommen, in deren Folge unter anderen die frühchristliche Bischofskirche freigelegt wurde. Zwischen 1966 und 1981 wurden weitere Grabungen vor allem von Wilhelm Alzinger durchgeführt, die neue Erkenntnisse zur Baugeschichte dieser Anlage brachten. 1985/86 wurde eine Asphaltstraße erbaut, die den äußerst beschwerlichen mittelalterlichen Weg auf den Kirchbichl ersetzte, der weniger Kehren hatte und wesentlich steiler angelegt war. Infolge dieses Wegebaus wurden mehrere Mauern römischer Gebäude entdeckt, die allerdings von den Baggern zum Teil schwer beschädigt oder zerstört wurden. In einer kurzfristig organisierten Notgrabung konnten allerdings drei römische Häuser mit Hypokausten- und Schlauchheizung freigelegt und untersucht werden. In den darauffolgenden Jahren wurden weitere Grabungen am Kirchbichl durchgeführt, wobei immer wieder Reste von römischen Gebäuden entdeckt und untersucht wurden. Zwischen 1992 und 1995 erfolgte eine Generalsanierung der Pfarrkirche St. Ulrich durch die Brüder Pescoller aus Bruneck, bei der mehrere Phasen eines frühchristlichen Vorgängerbaus dokumentiert werden konnten. Die „obere“ Peter und Paulkirche wurde in den Jahren 2003/04 renoviert und im Oktober 2004 wieder eingeweiht.

Verwendete Literatur
Egger, Rudolf, Die Reisetagebücher des Paolo Santonino. 1485-1487, Klagenfurt 1947, S. 27-30.
Festschrift „125 Jahre Einsatz für die Gemeinschaft – Freiwillige Feuerwehr Lavant gegr. 1889“, Lavant 2014, S. 13.
Gleirscher Paul/Stadler Harald, Die Notgrabung auf dem Kirchbichl von Lavant in Osttirol 1985. Ein Vorbericht (Veröffentlichung Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 66), Neustift i. St. – Lienz 1986, S. 5-31.
Grabherr Gerald/Kainrath Barbara (Hg.), Die spätantike Höhensiedlung auf dem Kirchbichl von Lavant. Eine archäologische und archivalische Spurensuche (Innsbrucker Klassisch-Archäologische Universitätsschriften 5), Innsbruck 2011.
Pizzinini, Meinrad, Lavant, in: Trapp Oswald, Tiroler Burgenbuch, IX. Band – Pustertal. Innsbruck-Bozen 2003, S. 534-539.
Pizzinini Meinrad/Tschurtschenthaler Michael/Walde Elisabeth, Der Lavanter Kirchbichl. Ein heiliger Berg in Tirol, Lavant 2000.
Pustertaler Bote, Nr. 22, 28.05.1875, S. 2-3.
Redlich, Oswald (Hrsg.), Die Traditionsbücher des Hochstifts Brixen. Vom zehnten bis in das vierzehnte Jahrhundert (Acta Tirolensia. Urkundliche Quellen zur Geschichte Tirols), Erster Band, Innsbruck 1886, S. 126.